Martin Dibobe

1876-1922, Kuglerstraße 44

Ob Martin Dibobe ein Sozialdemokrat aus Kamerun war, ist nicht ganz klar. Er sympathisierte auf jeden Fall mit den Sozialdemokraten, ob er Mitglied war, ist aus den Unterlagen nicht klar ersichtlich. Sicher ist auf jeden Fall: Martin Dibobe wurde am 31. Oktober 1876 als Quane a Dibobe in Bonapriso, Kamerun als Sohn eines Häuptlings geboren. Den Vornamen Martin erhielt er nach seiner Taufe durch Missionare. Nach Berlin verschlug ihn die Berliner Gewerbeausstellung 1896. Damals wurde im Treptower Park ein afrikanisches Dorf aufgebaut, in dem Martin Dibobe mit anderen Afrikanern aus den deutschen Kolonien vorgeführt wurden. Sie sollten afrikanisches Alltagsleben vorstellen, zumindest so, wie es sich die Kolonialherren damals vorstellten. Auch die Charité zeigte Interesse an den „Ausstellungsobjekten“ und veranstaltete Experimente durch „Rassekundler“. Dibobe verweigerte sich dem zuerst, wurde dann aber verpflichtet, an den Untersuchungen teilzunehmen. Er sei "groß, kräftig, gut genährt", sein Haar "glänzend braunschwarz, fast ganz in kleine enge Spiralen geordnet", die Unterlippe "etwas rötlich" vermerkt der Untersuchungsbericht.

Nach dem Ende der sechsmonatigen Ausstellung blieb Martin Dibobe, anders als seine Landsleute, in Berlin und begann eine Ausbildung zum Schlosser bei der Firma Conrad Schultz in Strausberg. Er verliebte sich in die Tochter seines Vermieters, Helene Noster, und beide heirateten Anfang 1900, nachdem Schwierigkeiten mit den deutschen Kolonialbehörden ausgeräumt waren. Hochzeiten zwischen einer deutschen Frau und einem Mann aus den Kolonien war damals weder leicht noch selbstverständlich. Der Spiegel beschrieb den Prozess als „kafkaesk“, das Standesamt, das Kolonialamt, das Auswärtige Amt verweigern dem Papierlosen die Trauung. Erst als die Basler Mission in Kamerun seine Identität und Taufe bestätigt, klappt es mit der Eheschließung. Martin Dibobe hat mit seiner Frau zwei Kinder.

Beruflich ging es für ihn auch aufwärts. Martin Dibobe wurde 1902 Zugabfertiger bei der Berliner Hochbahn, arbeitete sich aber schon bis 1902 zum Zugführer 1. Klasse hoch und wurde damit Beamter. Stolz notiert er später "Durch Fleiß und einwandfreies Betragen habe ich mir eine Vertrauensstellung erworben und bin seit dem Jahr 1902 in ungekündigter Stellung als Zugführer 1. Classe thätig.“ In dieser Funktion besucht er 1907 seine Heimat. Er hilft beim Bau einer Bahntrasse im Norden von Kamerun, verbreitet aber auch Gedanken von Sozialismus und Selbstbestimmung.

Das zeigt, das politisch Martin Dibobe den Sozialdemokraten nahestand. Er setzte sich für die Gleichberechtigung der Afrikaner ein, setzte sich nach dem Ersten Weltkrieg für die Wiedererlangung der deutschen Kolonien ein und forderte in einer Petition an den Reichstag am 27. Juni 1919 Bürgerrechte für die Menschen aus den deutschen Kolonien. Die Wiedererlangung der Deutschen Kolonien war dabei kein Ausdruck nationalen Gefühls, sondern sozialer Überlegung: „Es wäre töricht und politischer Selbstmord, da die Revolution und Umwälzung stattgefunden hat und wir heute eine soziale Regierung haben, sich einer anderen Nation unterzuordnen. Die Eingebornen können sich kein besseres Los wünschen, wie ihnen die Revolution gebracht hat.” Schreibt er am 22 Mai 1919 dem Reichskolonialminister Bell. Vor Abschluss der Freidensverhandlungen wendet er sich erneut an die Reichsregierung: “Wir geloben der sozialen Republik unverbrüchliche Treue und werden Alles daransetzen, wenn der Vertrag von 1884 [über Autononomie in Kamerun] von der deutschen Regierung erfüllt wird, mit dem neuen deutschen Reiche in gutem Einvernehmen zu leben.” Schließlich schickt er mit mehreren Afrikanern zusammen eine Petition an den Reichstag mit einer Vielzahl von Forderungen, unter anderem “Die Eingeborenen verlangen Selbständigkeit und Gleichberechtigung, wie es jetzt in der neuen sozialen Republik in Deutschland eingeführt ist.” Die Prügelstrafe solle abgeschafft, das BGB und die Schulpflicht eingeführt werden. Insgesamt atmet die Resolution die Hoffnung auf ein Kamerun nach dem Vorbild der deutschen Republik. Gefordert wird außerdem ein ständiger Vertreter “unserer Rasse” im Reichstage oder in der Nationalversammlung, “welchen wir unsere Interessen und Wünsche voll und ganz anvertrauen können” – vorgeschlagen wird Martin Dibobe.

Dazu kam es nicht und mit der Übernahme der Kolonialherrschaft in Kamerun durch Frankreich war ihm der Heimweg versperrt. Mit seiner Frau will er zurück nach Kamerun, bricht aber schließlich ohne sie auf, um die gemeinsame Einreise vorzubereiten. Die Franzosen ließen ihn als Unruhestifter nicht einreisen – sie fürchteten einen prodeutschen Aufstand. Er darf das Schiff nicht verlassen und muss nach Liberia weiterreisen. Unklar ist, wie es endete. Im Adressbuch ist ab 1926 eine Witwe Dibobe in der Schönhauser Allee verzeichnet. Vermutlich starb er also in Liberia.

Ihm wird am U-Bahnhof Hallesches Tor mit einem Foto gedacht, an seiner ehemaligen Adresse Kuglerstraße 44 ist eine Gedenktafel befestigt – die erste für eine Person afrikanischer Herkunft.
 

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