Klassenkampf im Kochtopf

Veröffentlicht am 23.08.2017 in Geschichte

(Markus Roick) Der Lebensmittelkonzern Nestlé hat sich für eine kleine Revolution entschieden. Die Maggi-Würze, ebenso Brühwürfel und Saucen sollen eine neue Rezeptur erhalten mit Produkten, „die in jedem heimischen Küchenschrank zu finden sind: Gemüse, Kräuter und Gewürze, Getreide und andere nährstoffreiche Inhaltsstoffe“ So zumindest die Ankündigung des Konzerns. Das bedeutet dann das Aus für die bisherigen Produkte, die zum großen Teil aus Salz und Geschmacksverstärkern bestanden.

Der Anfang dieser Rezeptur liegt, wie so vieles unserer Welt, in der Industrialisierung. Die Lage war Ende des 19. Jahrhunderts verheerend. Nicht nur aus Sicht der Arbeiter, die unter Hunger und Mangelernährung litten, sondern auch aus Sicht der besitzenden Klassen, die auf kräftige Arbeiter (und Arbeiterinnen) angewiesen waren. Deutlich schreibt das ein ehemaliger preußischer Offizier, der auf den Namen Wolff hört, in seinem Buch über „Die Ernährung der arbeitenden Klassen.“ (Springer, 1885):

„Wenn man nun aber bedenkt, dass in unseren Arbeiterfamilien einerseits die Frauen heirathen, ohne vom Hauswesen und besonders von der edlen Kochkunst etwas gelernt zu haben, andererseits auch in Folge der vollen Mitbeschäftigung in den Fabriken oder sonstwie keine Zeit gewinnen, um für eine richtige Zubereitung der Speisen zu sorgen, so darf man sich nicht wundern, dass es um den Tisch der Arbeiter durchweg sehr dürftig bestellt ist.“

Diese Dürftigkeit stellt für Staat und Fabrikbesitzer jedoch große Probleme dar: „Die Folgen sind: geringe Arbeitskraft, häusliche Zwistigkeiten, und Unzufriedenheit mit sich und den socialen Verhältnissen; theils um den Körper leistungsfähig zu erhalten, d.h. die Muskelthätigkeit künstlich anzuregen, theils um die Unzufriedenheit niederzukämpfen, greift man zur Branntweinflasche, der Quelle zahlreicher Verbrechen und Leiden.“

Dem abzuhelfen, ist Aufgabe eines väterlichen Staates, mit dem erhofften Nebeneffekt, die Arbeiter von der Sozialdemokratie abzuhalten: „Wir sind jetzt bestrebt, durch weise Gesetze für das Wohl der Arbeiter zu sorgen, und den socialdemokratischen Bewegungen die Spitze abzubrechen;“

Das war das Umfeld, in dem Maggie seine Brühwürfel und Maggiewürze entwickelte. Übrigens in Konkurrenz zu seinem Konkurrenten von Just von Liebig. Dieser hatte einen Fleischextrakt entwickelt, der ursprünglich als neue Fleischbrühe für Kranke verwendet wurde, um die Cholera in Griff zu kriegen. In Argentinien wurden große Mengen des Fleischextrakts hergestellt und weltweit vertrieben. Immerhin 2.204 Tonnen Extrakt wurden in den Staaten am La Plata im Jahr 1910 exportiert, dafür mussten in der Schlachtzeit von Januar bis Juni 1.000 Rinder am Tag ihr Leben lassen. Das war bei 300.000 Rindern, 130.000 Pferden und 100.000 Schafen aber kein großes Problem. Was ein echtes Problem für den Liebig-Fleischextrakt war: Verglichen mit Maggie-Würze war das Produkt teuer. Aus 30 Kilo Rind wird 1 Kilo Paste. Maggie dagegen beinhaltete gar kein Fleisch, Grundprodukte waren Weizen und Sojabohnen. Dafür kleckerte Maggi auch nicht, sondern glotzte. Noch heute wird auf einer Fläche, die einem Fünftel der Schweiz entspricht, Sojabohnen angebaut und der Straßenbau wurde vorangetrieben, um die Mengen an die Häfen zu bekommen. Die Soja-Bohne war so neben Weizen die Hauptzutaten. Hinzukommen Salz und weitere Geschmacksverstärker, die im Mund des Menschen die Geschmacksrezeptoren für „Umami“ aktivieren – ähnlich wie Fisch oder Fleisch. So konnte man als Arbeiterfamilie ziemlich alles mit einem Geschmack versehen, der Fleischempfinden aktivierte, ohne teures Fleisch verwenden zu müssen. Fleisch fand man eh nicht oft auf dem Tisch, am ehesten noch Hering als Proteinlieferant. Deswegen war ein billiger Zusatz wie Maggi aus pflanzlichen Proteinen geradezu ideal zur Ernährung vieler Arbeiter. Zumal diese, wie Wolff feststellte, „thunlichst billig“ sein muss. So dicke waren die Fabriklöhne nicht und es war allemal besser, billiges Essen in großen Mengen zu produzieren, als die Löhne zu erhöhen.

Die Firma Maggi war in Fragen der Arbeit fortschrittlich. Der Firmenvater führte für die damalige Zeit ungewöhnliche umfangreiche Sozialleistungen wie Kantine, Arbeiterwohnungen, Betriebskrankenkasse, Witwen- und Altersrente sowie 1906 den freien Samstag ein. Allerdings war die Stammfirma in Singen am Bodensee im Dritten Reich als „nationalsozialistischer Musterbetrieb“ ausgezeichnet.     

Produkte wie Maggi haben damit eine sehr zwiespältige Geschichte aus Sicht der Arbeiterbewegung. Es gab ohne weiteres das Bemühen, die Lage der Arbeiter zu verbessern. Die zunehmend berufstätigen Frauen sollten von der Küchenarbeit entlastet werden, die Ernährungslage verbessert werden. Das hatte aber den Effekt, die Ausbeutbarkeit der Arbeiter zu erhöhen. Für wenig Geld konnte man (über-)leben, die Löhne konnten niedrig bleiben. Die Hoffnung, dass der SPD die Spitze genommen wird hat sich dagegen nicht erfüllt.

Inzwischen ist der emanzipatorische Charakter verloren gegangen. Essen ist in Deutschland vergleichsweise billig, Fleischprodukte eingeschlossen. Um 1900 gingen noch 57% der Einnahmen eines Haushalts in Deutschland für Essen und Tabak drauf. Nicht mal 115 Jahre später sind es 13,6% und damit liegt Deutschland von 92 untersuchten Ländern weltweit auf dem 86. Platz – noch weniger geben die Menschen nur in den USA, Großbritannien und vier weiteren Industrieländer aus.

Das ist die materielle Voraussetzung für einen neuen Trend. Die „Mittelstandsgesellschaft“ schuf durch eine zunehmend industrialisierte Landwirtschaft mehr und mehr Nahrungsmittel zur Verfügung. In Europa ist der Hunger besiegt, so gründlich und durchgehend, dass in Europa gewaltige Mengen an Lebensmitteln weggeworfen wird. In Deutschland alleine sind es jährlich 18,4 Milliarden Kilogramm, in den USA sogar 65 Milliarden. Das entspricht rund einem Drittel der einheimischen Nahrungsmittelproduktion. Bei Überfluss verliert, was Luxus war, an Wert und wird umgewertet. Neue Vorstellungen von Luxus verdrängen die alten. Der Trend ist also: weg von Fertigprodukten und hin zu teuren Lebensmittelprodukten und aufwändigem Kochen. Gleichzeitig aber entsteht ein unüberschaubares Feld von Lieferdiensten, bei denen prekär Beschäftigte angestellt sind, um gutbezahlte Arbeitnehmer mit frisch gekochten Essen zu versorgen.

Am deutlichsten wird diese Spaltung durch das Essen deutlich bei der Abwertung von Fertigprodukten. Ursprünglich Fortschrittssymbol würden diese jetzt nur noch von Unterschichten konsumiert und zeigten, dass diese nicht in der Lage sein, sich selbst fit und leistungsbereit zu haben. Der alte Paternalismus ist im neuen Gewand wieder da. Ganz in diesem Sinne stellt Maggi sein Sortiment um. Das Geld ist bei denen zu holen, die welches haben und das heißt heute: bei denen die auf ihre Ernährung achten. Betrachtet man also die Entwicklung insgesamt und kritisch muss man feststellen: Die Klassenunterschiede im Kochtopf nehmen in den letzten Jahren wieder zu und nicht ab.

 
 

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