Gedenken an Gertrud Pincus

Veröffentlicht am 20.09.2018 in Geschichte

Der Dreiecksplatz zwischen Krügerstraße, Dunckerstraße und Kuglerstraße soll nach Gertrud Pincus umbenannt werden, einer Pionierin der Kinder- und Jugendarbeit in der Weimarer Republik. Sie wurde 1941 von den Nazis nach Riga deportiert und ermordet. Ein wichtiges Zeichen, diese Geschichte nicht zu vergessen in Zeiten wie diesen. Und eine Gelegenheit, an das Reformjugendamt im Prenzlauer Berg zu erinnern, in dem von dem SPD-Stadtrat mit Menschen wie Gertrud Pincus, Ella Kay und Martha Schanzenbach in der Weimarer Republik vieles entwickelt wurde, was heute in der Jugendarbeit selbstverständlich ist.

Gertrud Pincus gehörte ab den 190ern dem Bezirksamt um den Stadtrat Walter Friedländer (SPD) an. Als Chef des Jugendamtes Prenzlauer Berg sammelte dieser „Personen mit sozialer Ausbildung und sozialer Gesinnung“, oft Frauen. Darunter war auch die spätere Bezirksbürgermeisterin Ella Kay und Martha Schanzenbach (MdB von 1949-1972), aber eben auch Gertrud Pincus. Obwohl ein Dreiecksplatz ihren Namen tragen soll, ist wenig über sie bekannt. Geboren wurde sie 1890 und ab den 1920er arbeitete sie im Jugendamt. Über ihre Kolleginnen wissen wir einiges von der Arbeit des Jugendamtes. Durch und durch ein Reformjugendamt sollten die Jugendlichen und ihre Entwicklung im Zentrum stehen, nicht die Verwahrung und Drill wie aus  dem Kaiserreich bekannt. Die Verwaltung spielte da manchmal nicht mit, wie Walter Friedländer berichtete. Gegen die Beamten aus dem Kaiserreich musste jede Form moderner Jugendarbeit einzeln durchgekämpft werden. Was heute selbstverständlich war, galt damals als revolutionär, gerade im Bereich Krippen-, Hort- und Kindergartenwesen. Die Einrichtungen sollten die familiären Defizite der Familien im Arbeiter- und Armutsbezirk Prenzlauer Berg auffangen. Sollten Kinder im Kaiserreich (und den konservativen Bezirken noch in der Weimarer Republik) stillsitzen, durften und sollten sie im Prenzlauer Berg spielen, malen und musizieren. Gerade im Bereich der musikalischen Früherziehung setzten Pincus und Friedländer neue Standards. Sie beschäftigte sich außerdem insbesondere mit der Deutung von Kinderzeichnungen.
Es war deswegen kein Wunder, dass die Nazis sehr früh das Jugendamt Prenzlauer Berg zerschlugen und die Angestellten verfolgten. Selbstständige Kinder und Jugendliche waren den Nazis ein Graus, stattdessen sollte wieder Drill gelten. Vorkämpfer der verhassten Reformpolitik waren ihnen ein Dorn im Auge. Walter Friedländer konnte noch in die USA fliehen, Ella Kay zog sich während der Naziherrschaft an den Stadtrand zurück und schlug sich mit kleinen Arbeiten durch. Getrud Pincus traf der Hass der Nazis aber mit voller Wucht. Als Jüdin wurde sie am 27.11.1941 mit 25.000 Leidensgenossinnen und -genossen nach Riga deportiert und wurde drei Tage später, vermutlich bei der Ankunft, ermordet. Genaues wissen wir nicht.
Im Rückblick berichtet Herbert Mai von seinem Leidensweg. Nur drei Prozent der Verschleppten überlebten das Ghetto in Riga. Auf einer Webseite zu den Deportationen nach Riga ist die ganze Grausamkeit geschildert: „Anfänglich standen noch alte Personenwaggons zum Abtransport bereit. In dem strengen Winter 1941/1942 stellte man dann nur noch ungeheizte Güterwagen zur Verfügung, was zu zahlreichen Erfrierungen bei den Transportinsassen führte. In Riga musste man die Toten ausladen.
Der Schock über diese Verhältnisse war gewaltig. Bei der Ankunft auf dem Güterbahnhof in Riga wurden die Insassen mit Gebrüll und teilweise mit Gewalt aus den Wagen getrieben. Diejenigen, die den Fußmarsch nach Jungfernhof oder in das Ghetto nicht leisten konnten, wurden mit Lkw fortgeschafft. Man sah sie nie wieder. Über die vereisten Straßen mussten sich die Menschen zu ihrem Unterbringungsort hinschleppen. Die Unbill des Wetters, nicht nur der böse Wille, sondern auch die hervorzuhebende deutsche Unfähigkeit, für die Deportierten zu sorgen, führten dazu, dass es Tage und Wochen dauerte, bis  die dann gewährte mangelhafte Ernährung halbwegs gesichert war. Die katastrophale Unterbringung, die Kälte, der Hunger und die konsequent sich daraus ergebenden Krankheiten führten dazu, dass allein in Jungfernhof in den Wintermonaten über 800 Menschen starben.“ 
Gerade in Zeiten wie heute, in denen selbstbezogene Menschen vergessen, was geschehen ist, was getan worden ist, ist es umso wichtiger, an Schicksale wie von Gertrud Pincus zu erinnern. Über ihren Tod, aber auch ihr Leben, das sie der Erziehung von Kindern gewidmet hatte.
 

 
 

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